Zur Kämpferin geboren
(My Fight, Your Fight)
von Ronda Rousey mit Maria Burns Ortiz
Riva Verlag 2016

Rouseys Sprachvermögen wurde durch Sauerstoffmangel bei der Geburt auf Jahre lahmgelegt. Sie setzte sich dennoch durch:

Zum dritten Geburtstag wünschte ich mir nichts sehnlicher als einen WWF Hulk Hogan Wrestling Buddy. Meine Schwestern und ich sahen samstagvormittags nach den X-Men immer die WWF Superstars of Wrestling. In den Werbepausen sprangen wir immer von den braunen Sofapolstern und versuchten, einander auf dem kratzigen, beigen Polyesterteppichboden niederzuringen. Eines der schönsten Spielzeuge, die die 80er hervorbrachten, war der Wrestling Buddy, ein 60 Zentimeter großes Kissen in Hulk-Hogan-Form. Man konnte sich darauf werfen, damit ringen und es zu Boden schleudern. Es war großartig. Als meine Mom mich fragte, was ich mir wünschte, wiederholte ich immer nur ein Wort: „Balgrin.“

Niemand verstand auch nur annähernd, was ich meinte. Aber meine Mom ging mit mir und meinen Schwestern in den Spielzeugladen, um meinen Balgrin zu finden. Der Verkäufer zeigte mir jedes Spielzeug, das etwas von einem Ball hatte. Wir gingen mit leeren Händen und suchten eine anderes Geschäft auf. Und noch eins.

Immer wenn ich erklären wollte, was ich mir wünschte, purzelten irgendwelche durcheinandergewürfelte Laute aus mir heraus, die niemand verstand. Es war, als steckten die benötigten Wörter fest, als könnte ich sie nicht freisetzen. Ich konnte sie sehen. Ich konnte sie spüren. Ich konnte sie nur nicht sagen. Ich fühlte mich gefangen. Ich brach in Tränen aus, der Rotz lief mir übers Gesicht. Die Welt wurde immer enger; ich begann die Hoffnung zu verlieren.

Mein Dad stieß nach Feierabend zu uns. Wir betraten ein letztes Mal einen Spielzeugladen und trafen dort auf den großartigsten Spielzeugverkäufer aller Zeiten, ihm gebührt ein Ehrenplatz in der Ruhmeshalle des Spielwarenhandels. Kaum waren wir zur Tür hereingekommen, trat mein Dad zu einem Verkäufer und sagte: „Meine Kleinste will einen Balgrin. Ich hab keinen blassen Schimmer, was ein Balgrin ist, aber wir gehen erst, wenn wir einen haben.“

„Ja, was macht man denn damit?“, fragte mich der Mann.

Da ich mich nicht zu sprechen traute, warf ich mich ein paarmal mit Schwung auf den Boden.

Der Verkäufer lachte nicht. Er dachte einen Moment nach. Ich schaute voller Hoffnung zu ihm empor.

„Meinst du einen Wrestling Buddy? Das ist so eine Art Kissen, mit dem du ringen kannst.“

Ich nickte langsam. „Balgrin“, sagte ich.

„Genau“, erwiderte er, als hätte ich mich sonnenklar ausgedrückt, „Hulk Hogan.“ Er holte ein Exemplar aus dem Lager. Ich tanzte vor Glück zwischen den Regalen. Meine Mutter dankte dem Himmel.

Der Verkäufer überreichte mir den Karton mit dem Wrestling Buddy, und ein Glücksgefühl durchströmte mich. Ich ließe es nicht zu, dass mir meine Eltern Hulk auch nur eine Sekunde lang abnahmen, nicht mal zum Bezahlen. Der Verkäufer scannte daher einfach einen anderen Karton.

Als wir nach Hause kamen, waren Hulk und ich schon fast unzertrennlich. Ich sprang vom Sofa und rammte ihm den Ellenbogen in den Brustkorb. Ich brachte ihn zu Boden, und meine Mutter musste bis drei zählen. Irgendwann – es war entweder kompletter Zufall oder ein unheimliches Vorzeichen – riss ich ihm den Arm ab. Meine Mom kannte einen alten Trick zum Flicken von Judo-Anzügen und nähte den Arm mit Zahnseide wieder an, bevor ich wie jeden Abend mit Hulk zu Bett ging.

Ja, genau. Ich habe mit Hulk Hogan geschlafen.

Kaufen Sie dieses Buch oder ich schlage diesen Hund
(The Internet Is My Playground)
von David Thorne
Riva Verlag 2012

Am lustigsten ist Thorne, wenn er sich in Verschrobenheiten hineinsteigert. Hier verkörpert er einen Sammler von Delfinkitsch:

Als schönste und zauberhafteste Wesen der Unterwasserwelt sind diese herrlichen Delfine hier in staunenerregender Bewegtheit auf kristallener Gischt dargestellt. Als spiegelten sie den Ozean wider, glitzern und blitzen die Wellen in allen Farben des Regenbogens. Diese Skulptur steht auf dem Armaturenbrett meines Autos und erhält von so manchem Beifahrer Anerkennung ob ihrer einzigartigen Schönheit. Bei einer Höhe von fast 60 Zentimetern behindert sie ein wenig die Sicht, aber da sie halbtransparent ist, sehe ich darin kein Problem.

Tiere töten und essen
(Meat Eater)
von Steven Rinella
Riva Verlag 2014

Schwierig, schwierig, bei diesem Buch voller Jagdanekdoten eine schöne Passage auszuwählen – es gibt so viele.

Beim Nachdenken über die erste dieser Fragen – warum jage ich? – kommen mir zwei Momente in den Sinn. Der erste ereignete sich im letzten Frühjahr, als ich in den Powder River Badlands im Südosten von Montana zusammen mit meinem Bruder Matt Truthähne jagte. Am frühen Morgen ließen wir Timmy und Haggy, Matts Pack-Lamas, angebunden bei unserem Lager zurück. Matt wandte sich nach Süden, während ich nach Westen ins nächste Tal aufbrach. Im Laufe des Vormittags setzte ich einem Truthahn nach, den ich ein paar hundert Meter weit entfernt kollern hörte. Ich verfolgte den Vogel fast eine Stunde lang, wobei ich ihn nur einmal kurz erblickte. Er ging rasch am Rand einer Sandsteinklippe entlang, etwa dreißig Meter oberhalb von und zweihundert Meter vor mir. Ich ließ mich in einem Haufen aus umgefallenen Baumstämmen nieder und ahmte mithilfe eines Lockinstruments das leise Gackern einer Truthenne nach.

Truthähne zeigen weder beim Fliegen Anmut, noch beim Landen. Dieses Exemplar krachte durch die Zweige einer Gelbkiefer und plumpste auf den mit Totholz bedeckten Hang einer links von mir gelegenen Schlucht. Ich drehte meinen Kopf in diese Richtung, sodass sich mein Kinn über der linken Schulter befand. Ich gackerte weiter. Ich hegte die Hoffnung, dass der Hahn nachschauen würde, woher die Rufe kamen, aber minutenlang sah und hörte ich nichts von ihm. Ich rief noch ein paarmal, aber es geschah weiterhin nichts.

Bei der Truthahnjagd muss man sehr darauf achten, welche Bewegungen und Geräusche man macht, daher blieb ich weiterhin völlig regungslos, obwohl ich den Vogel seit seiner Landung nicht mehr gesehen hatte. Etwa fünf Minuten verstrichen, ohne dass ich den Kopf von der linken Schulter wegdrehte.

Und dann geschah auf einmal etwas Seltsames. Plötzlich seufzte jemand sehr laut hinter meiner rechten Schulter. Mit meinem Truthahnruf hatte ich schon einmal Kojoten und Rotluchse angelockt, aber dieser Seufzer klang nach einem genervten Menschen, der nach der schnellen Besteigung eines Berghangs etwas außer Atem war. Ich reagierte sofort und drehte den Kopf schnell in die Richtung des Geräuschs. Als mein Kinn gerade über der rechten Schulter ankam, erblickte ich einen großen Schwarzbären, der auf den Hinterbeinen stand und sich mit den Vorderbeinen auf einen Baumstamm stützte, welcher auf dem Baumstamm lag, gegen den ich mich gerade lehnte. Offenbar hatte er erwartet, ein Nest voller Truthahneier vorzufinden und mit etwas Glück auch die Henne zu erwischen. Jetzt starrte er mich äußerst wissbegierig an und schraubte an seiner Erwartungshaltung herum.

Ich habe mal im Radio ein Interview mit einem Hirnforscher gehört, der die Denkvorgänge in extremen Stresssituationen untersuchte. Ihm zufolge berichten Menschen, dass sie in den Sekunden, die beispielsweise ein Sturz vom Dach eines Hauses dauerte, Dutzende verschiedener Gedanken hatten. Der Hirnforscher vertrat jedoch die Ansicht, dass wir diese Gedanken gar nicht dann denken, wenn wir meinen, sie gedacht zu haben, sondern sie aufgrund eines Gedächtnisfehlers bei der Erinnerung an den Unglücksmoment gedacht zu haben glauben. Aber egal was der Professor behauptet, ich weiß jedenfalls, dass mir innerhalb der nächsten Sekunde die folgenden Gedanken kamen: Ich dachte daran, wie seltsam es war, dass dieser Bär und ich zufällig am selben Ort und zur selben Zeit auf Truthahnjagd waren; ich dachte daran, wie seltsam es war, dass ich einen Truthahn hatte überlisten wollen, um ihn zu töten und zu verspeisen, dadurch aber ein anderes Tier überlistet hatte, das den Truthahn ebenfalls gerne getötet und verspeist hätte; ich fragte mich, welche Wirkung mein Truthahnjagdgewehr, eine mit kupferbeschichtetem 3-mm-Schrot geladene 12-kalibrige Flinte, aus kurzer Distanz auf einen Schwarzbären haben würde; ich stellte mir vor, wie ich mich bei der Ermittlung durch die Jagdaufsicht wegen unbefugtem Abschuss eines Schwarzbären auf Notwehr berufen würde; ich stellte mir vor, wie es wäre, von einem Schwarzbären zerfleischt zu werden, und dass es in dem Fall wohl nur zu kleineren Zerfleischungen kommen würde, weil der Bär schnell einsehen würde, dass ich nicht das war, was er haben wollte; dann dachte ich daran, dass Schwarzbären sich sehr selten mit Menschen anlegen; und dann stellte ich mir vor, dass ich diese Geschichte, egal wie sie ausginge, noch sehr lange erzählen würde.

Der Bär unterbrach diese stürmische Gedankenkaskade mit einem «Wuff», das etwa so klang wie der erste Laut, den ein Hund von sich gibt, wenn es an der Tür klopft. Dann lief er mit dem entspannten Tempo eines Joggers zwischen dem Totholz davon. Das Geräusch seines Laufschritts erstarb, und es kehrte wieder die gewohnte, luftig-frische Waldruhe ein. Ich lehnte mich zurück, um meinen Puls langsamer werden zu lassen, denn ein derartiges Herzrasen schien mir ungesund. Ich blieb ungefähr fünf Minuten sitzen, atmend und nachdenkend. Ich spürte Dankbarkeit und Erleichterung, wie wenn man plötzlich merkt, dass eine Grippe endlich weggeht. Dann hörte ich einen Truthahn kollern, so weit entfernt und leise, dass das Geräusch eher zu fühlen als zu hören war. Ich stand auf, um nachzuschauen, und freute mich darüber, am Leben zu sein, mitten in dieser wundervollen, uralten Welt mit seufzenden Bären und kollernden Truthähnen.

Voll auf die Zwölf
(Got Fight)
von Forrest Griffin mit Erich Krauss
Riva Verlag 2012

Forrest Griffin ist Mixed-Martial-Arts-Kämpfer, das ist dieser brutale Käfig-Kampfsport. Ich kann nur ein bisschen Kung-Fu.

Wenn ihr den Film Karate Kid gesehen habt, erinnert ihr euch sicher an die finale Kampfszene zwischen Daniel-san und dem bösen Johnny vom superbösen Cobra-Kai-Dojo. Es ist der ultimative Kampf zwischen Gut und Böse – die spannendste Kampfszene der Filmgeschichte. Karate-Kid hält sein eines Bein unglaublich hoch und humpelt über die Punktsparring-Matte. Johnny, in seinem ärmellosen, schwarzen, vom Punktsparring durchgeschwitzten Gi, ist ganz aufgekratzt. Die Weiber im Publikum schreien im Blutrausch den Namen ihres Helden heraus und erzeugen einen Lärm, gegen den das Heidengebrüll auf den Rängen des Kolosseums im alten Rom nichts gewesen wäre. Wer wird diese historische Schlacht gewinnen? Der Ausgang ist ungewiss – zu ungewiss. Bevor die Kämpfer zum letzten Schlagabtausch einander gegenübertreten, nimmt Johnnys Sensei ihn beiseite und spricht jene drei ruchlosen Worte: SWEEP THE LEG – «Tritt ihm das Bein weg.» Und wie wenn ein alte Sonne über den Horizont eines verdüsterten Landes zu ragen wagt, bricht Johnnys raue Schale für einen Moment auf und gibt die Flamme des Mitgefühls preis, die aus den verborgensten Gründen seines Wesens auflodert, aber dieses Mitgefühl erstirbt so rasch wie es erstand, und die Macht, die der heimtückische Trainer über sein Bewusstsein hat, nimmt wieder überhand. Ja, denkt Johnny mit abgründigem Schimmern im Auge. Ja, ich werde Daniel-sans verletztes Bein wegfegen. Ich werde seine schwache Stelle angreifen und mich in seinen Innereien suhlen!

Ich weiß, was ihr jetzt denkt: Forrest, du hast es verbockt. Es war noch VIEL spannender. Ich weiß ja. Aber ich musste diese Szene nacherzählen, weil ich euch eine Frage stellen will. Was meint ihr, findet ihr es falsch von dem bösen Sensei, Johnny den Angriff auf Daniel-sans verletztes Bein zu empfehlen? Wenn ihr diesen Ratschlag widerlich findet; wenn ihr meint, er hätte seinen Schüler anweisen müssen, das Bein zu ignorieren und stattdessen durch Attacken auf Daniel-sans Stärken den Sieg zu erringen, dann dürft ihr euch Kampfkünstler nennen. Wenn ihr jedoch die Anweisung goldrichtig findet und meint, er hätte noch hinzufügen können: «Hau den angeknacksten Pfeifenreiniger durch und mach Miyagis Muttersöhnchen endgültig fertig,» dann, und nur dann dürft ihr euch Kämpfer nennen.

Wenn ihr jetzt kopfnickend dasitzt und denkt: Jawoll, ich bin Kampfkünstler und stolz darauf, habt ihr keine Ahnung vom Kämpfen. Ihr denkt, ihr hättet Ahnung davon, aber ihr habt keine. Wahrscheinlich seid ihr fette Männer mittleren Alters, die zweimal die Woche einen Pyjama anziehen und davon schwafeln, wie effektiv Dim Mak ist, und dass sie einen MMA-Kämpfer mit einer einzigen Berührung umbringen könnten. Ich will euch nicht zu nahe treten. Wenn euch eure Einbildung glücklich macht, bitte sehr. Ich möchte nur den Unterschied klären zwischen Kämpfern und (den meisten) Kampfkünstlern. Zum Mitschreiben: Kämpfer sind die, die sich in echten Kämpfen aneinander messen. Ihre Sparring-Ausrüstung ist nicht aus billigem, dünnem Plastik, weil sie einander tatsächlich schlagen. Ihre Faustschläge kommen auch nicht von der Hüfte, weil ihnen die Notwendigkeit, das Gesicht zu schützen, klar ist. Sie wissen, ob die ihnen beigebrachten Techniken funktionieren, weil sie sie täglich im Studio und im Ring auf Tauglichkeit prüfen. Sie haben andere zusammengeschlagen und sind selbst zusammengeschlagen worden, und das Zusammenschlagen hat sie nicht nur körperlich und mental zäh gemacht, sondern sie auch gelehrt, dass es beim Kämpfen keine Gnade gibt. Wenn euer Gegner ein verletztes Bein hat und es zu weit vom Körper abstehen lässt, dann schnappt euch das Scheißding und fangt mit der Submission an. Er kann ja abklopfen, aber wenn er dazu nicht schnell oder nicht klug genug ist, ist es nicht eure Schuld. Ihr solltet eurem Gegner nicht absichtlich das Bein brechen, aber was passiert, passiert. Wer sich aus Angst, den Gegner zu verletzen, zurückhält, kriegt sehr wahrscheinlich die Hucke voll.

Milliardär per Zufall
(The Accidental Billionaires)
von Ben Mezrich
Redline Verlag 2010

Die Party, auf der der Held dieses Doku-Romans den späteren Facebook-Gründer Mark Zuckerberg trifft, weckt zunächst keine großen Hoffnungen:

Zehn nach eins in der Nacht, und irgendetwas war mit der Deko entsetzlich schiefgelaufen. Nicht nur machten die an den Wänden befestigten blauweißen Kreppgirlanden gerade schlapp – eine von ihnen hing bereits so tief, dass ihre taftartigen Kringel die übergroße Bowlenschüssel zu bedecken drohten. Auch die bunten Plakate, die die nackten Flächen zwischen dem Krepppapier schmückten, hatten sich gelockert und segelten in beunruhigend schneller Folge zu Boden. An manchen Stellen war der beige Teppichboden unter den glänzenden Computerausdrucken fast ganz verschwunden.

Bei genauerem Hinsehen war die Deko-Katastrophe leicht nachzuvollziehen: die deutlich sichtbaren Paketbandstreifen, die den Plakaten und Girlanden Halt geben sollten, waren von einem Kondenswasserfilm überzogen, der sie zunehmend löste. So verrichtete die Wärme aus den bullernden Heizkörpern ihr Zerstörungswerk an dem zusammengepfuschten Ambiente.

Die Wärme war nötig, schließlich war es Oktober in Neuengland. Das über den sterbenden Plakaten von der Decke hängende Transparent verkündete voller Wärme: Alpha Epsilon Pi Kennenlern-Abend 2003. Aber kein Transparent der Welt konnte es mit der Eisschicht aufnehmen, die sich an den übergroßen Fenstern entlang der Rückwand des höhlenartigen Seminarsaals bildete. Alles in allem hatte das Dekorationskomitee das Bestmögliche aus dem Raum gemacht, der tief im fünften Stock eines alternden Gebäudes in Harvard Yard steckte und tagsüber zahlreiche Philosophie- und Geschichtskurse beherbergte. Man hatte die abgewetzten Stühle und die schartigen Tische reihenweise hinausgekarrt, die kahlen, bröckeligen Wände notdürftig mit Plakaten und Krepp bedeckt und das Transparent aufgehängt, um die hässlichen, übergroßen Neonleuchten an der Decke wenigstens teilweise zu verbergen. Aber die Krone des Ganzen, der wahre Geniestreich war ein iPod, der an zwei riesigen, teuer aussehenden Lautsprechern hing, die man anstelle des Dozentenpults auf der kleinen Bühne am Kopfende des Raums aufgebaut hatte.

Zehn vor eins in der Nacht, der iPod nudelte vor sich hin und füllte den Raum mit einer Mischung aus Pop und anachronistischem Folk-Rock – entweder die Playlist eines Schizophrenen oder ein schlecht durchdachter Kompromiss eines bockigen Komiteemitglieds. Richtig schlimm war die Musik immerhin nicht, und mit den Lautsprechern hatte der für die Unterhaltung Verantwortliche einen ziemlichen Coup gelandet. Trumpf einer Fete im vorigen oder vorvorigen Jahr war ein in der hinteren Ecke des Kursraums aufgestellter Fernseher gewesen, auf dem in Endlosschleife eine geborgte DVD mit den Niagarafällen lief. Scheißegal, dass die Niagarafälle nicht das Geringste mit Alpha Epsilon Pi oder Harvard zu tun hatten; das Geräusch fließenden Wassers war dem Komitee irgendwie partytauglich vorgekommen, und das Ganze hatte keinen Cent gekostet.

Die Lautsprecher waren also eine Verbesserung – ebenso die losen Plakate. Die Stimmung bewegte sich allerdings auf dem gleichen Niveau.

Eduardo stand unter dem Transparent, die Storchenbeine von einer dünnen Stoffhose umschlackert, das Oxfordhemd bis zum Hals zugeknöpft. Er war umgeben von vier ähnlich gekleideten Jungs aus dem zweiten und dritten Studienjahr. Zusammen machte die kleine Gruppe ein gutes Drittel der Party aus. Irgendwo am anderen Ende des Raums waren auch zwei oder drei Mädels unter den Gästen. Eine hatte sogar den Mumm gehabt, einen Rock zu anzuziehen – wenn auch über dicken grauen Leggings, wegen des Wetters.

Es war nicht gerade Auerbachs Keller, aber drittklassige Harvard-Verbindungen boten nun einmal nicht die Art von Bacchanalien, wie man sie an anderen Colleges erleben konnte. Und Epsilon Pi war auch nicht eben die Perle unter den drittklassigen; als führende jüdische Studentenverbindung in Harvard war sie weniger für orgiastische Ausschreitungen, als für ihren Notendurchschnitt berüchtigt. Dieser Ruf hatte nichts mit ihrer nominellen religiösen Ausrichtung zu tun – die wirklich frommen Juden, die koscher aßen und nur mit Stammesangehörigen ausgingen, waren beim Hillel House, einer Verbindung mit eigenem Gebäude auf dem Campus, einer echten Stiftung im Rücken und, nicht zuletzt, Mitgliedern beiderlei Geschlechts. Epsilon Pi war für die Säkularen, für die, deren auffälligste jüdische Eigenschaft ihr Nachname war. Für Epsilon-Pi-Jungs hätte eine jüdische Freundin den Vorteil, dass sich Mom und Dad freuen. Aber realistisch war eher eine Asiatin.

Genau das erklärte Eduardo gerade seinen Kameraden. Es war ein zwischen ihnen immer wiederkehrendes Gesprächsthema, denn über den Kern der Sache waren sie sich alle einig.

«Nicht dass Typen wie ich generell Asiatinnen attraktiv finden», meinte Eduardo zwischen zwei Schlückchen Bowle. «Nö, Asiatinnen finden generell Typen wie mich attraktiv. Und wenn ich meine Chance auf das geilstmögliche Mädel optimieren will, muss ich die Sorte Mädels im Teich haben, die am Wahrscheinlichsten anbeißt.»

Horton hört ein Hä?!
(Horton Hears a Who!)
von Dr. Seuss
Lockerungsübung

Die Skurrilität und der Wortwitz von Dr. Seuss sind schon wunderbar ins Deutsche übertragen worden – nur nicht sein unverkennbarer Rhythmus. Mal sehen:

Am fünfzehnten Mai war’s im Urwald recht schwül.
Der Tümpel war kühl, und Horton gefiel
Das Plantschen, das Spritzen – und das Elefantsein,
Als er etwas hörte! Wir dürfen gespannt sein.
Er ließ das Geplantsche und schaute umher.
«Nanu», dachte Horton. «Ja, war da nicht wer?»
Da hört’ er es wieder! Ein Zirpen im Schilfe,
Als riefe ein winziges Wesen um Hilfe.
«Wo bist du?», rief Horton. «Ich kann dich nicht sehen.»
So sehr er auch spähte, er konnt’ nichts erspähen,
Nur ein Staubkörnchen sah er im Wind heranwehen.
«Nee, nee», sagte Horton, «das ist unerhört.
Es gibt doch kein Staubkörnchen, das sich beschwert.
Das kann doch nicht sein … Wisst ihr, was ich glaube?
Da muss jemand wohnen auf diesem Stück Staube!
Da ist irgendjemand, der so winzig klein ist,
Dass er unsichtbar bleibt für ein Auge wie meines.
Ein ganz kleiner Jemand, vor Angst schon ganz bleich.
Wie soll er denn lenken? Er fällt in den Teich!
Das darf ich nicht zulassen, so was Gemeines.
Ein Jemand ist jemand, auch wenn er ganz klein ist.»